Samstag, 6. Februar 2016

Medien: intellektuelle Korrumpierbarkeit in Konfliktzeiten

"Journalisten immer anfälliger für Propaganda" - zu diesem Ergebnis kommt eine kritische Medienstudie, in Auftrag gegeben von einer schwedischen Regierungsbehörde. Grundlage war vor allem die Informationspolitik zu Zeiten des Kosovokrieges

Manipuliert von Politikern und Militärs sowie deren Propagandastrategen. Das waren die Medien im Kosovokrieg, einem Informationskrieg, den die Nato gewann und in den sich Presse und Fernsehen in eine "unkritische Kampagne für die Sache der Kosovoalbaner einspannen ließen". Zu diesem Fazit kommt eine in dieser Woche veröffentlichte Studie ("Kampen om det kommunikative rummet" - "Kampf um den kommunikativen Raum") des schwedischen "Amts für psychologische Verteidigung". Eine Regierungsbehörde, die im Falle einer Krisen- oder Kriegssituation die eigene Bevölkerung in der Richtung "beeinflussen" soll, welche dem Staatsinteresse dient. Die jetzige Kritik an den unkritischen Medien beinhaltet gleichzeitig das Urteil, dass vor allem den USA ihr Propagandakrieg glänzend gelungen ist: "Die Medien der Krieg führenden Länder verwandelten sich von einem kritischen Kontrolleur der Staatsmacht zu einer vierten Waffengattung neben Heer, Luftwaffe und Marine." Ausgewertet wurden die größten schwedischen Print- und TV-Medien, die dann zum Teil mit britischen Medien verglichen wurden. In weiten Teilen dürfte die Studie aber auch für Resteuropa repräsentativ sein. Hier vor allem die Handhabung der aus dem Nato-"Media Operations Center" kommenden Informationen und unkritische Übernahme von als weithin "unzuverlässig" eingestuften Informationen aus US-Quellen.

"Dominanz der USA"
Die Studie konstatiert eine "Dominanz des US-Weltbilds", welche "nationale Unterschiede vor allem in den westlichen Medien immer mehr vermindert". Die JournalistInnen ließen sich von diesem Weltbild beeinflussen. Eine Tendenz zu einer regelrechten freiwilligen Gleichschaltung meinen die skandinavischen ForscherInnen ausgemacht zu haben: "Die Unabhängigkeit und die Integrität der Medien in der westlichen Welt ist in der neuen Weltordnung immer mehr zurückgegangen."

mehr:
- Heer, Luftwaffe, Marine - Medien? (Reinhard Wolff, taz, 31.12.2002)

Horst-Eberhard Richter erwähnt diese Studie in dem folgenden Interview mit Sandra Maischberger bei 1:15:


Sandra Maischberger interviewt Horst-Eberhard Richter [14:01]


Hochgeladen am 17.01.2011
ntv-Sendung vom 27.3.2003

siehe dazu:
- Der Kosovo-Krieg in den Medien - Analyse einer globalen Diskursordnung (Birgitta Höijer, Stig Arne Nohrstedt, Rune Ottosen, conflict & communication online, Vol 1 Nr. 2 2002)
- Konstruktion von Medienrealität im Kosovo-Krieg (Elvi Claßen, Medienanalyse, Ausgabe 7/1999, Themenhaft Kosovo-Krieg)
"Die westlichen Führer sind intensiv damit beschäftigt, die Geschichte umzuschreiben, um das Desaster der Bombardierung des Balkans zu rechtfertigen. Der Wandel in der Informationspolitik, in der Rhetorik und in den Begründungen, seit die Bombardierungen am 24. März begannen, lähmt buchstäblich die Sinne. So sehr sie sich auch davor fürchteten, haben sie ein wirklich dunkles Kapitel der Geschichte aufgeschlagen und sehen sich jetzt in der Gefahr, daß ihnen die Kontrolle über die Entwicklungen entgleitet. Eine Möglichkeit, das Versagen als Erfolg darzustellen, ist die Konstruktion einer mächtigen Medienrealität und die Dekonstruktion der realen Realität. Das ist die Essenz des Medienkrieges, und das ist, was gerade geschieht." (Covering Up NATO's Balkan Bombing Blunder, Jan Oberg, Transnational Foundation for Peace and Future Research, Pressemitteilung vom 14.04.1999)
siehe weiter:
- Im Verwirrspiel gleichgeschaltet (Horst-Eberhard Richter, der Freitag, 24.01.2003)
Viele Journalisten wissen, dass sie zu Handlangern einer Kriegspropaganda werden. Aber sie sagen nicht, was sie merken
Gemeinsam entwickelten wir damals einen ausführlichen Fragebogen zur Arbeitssituation und zum Befinden, den wir allen Redakteuren des politischen Programmteils des Bayrischen und des Norddeutschen Rundfunks übermittelten, die keine höhere Position als die eines Redaktions- beziehungsweise Abteilungsleiters innehatten. 101 von 191 angefragten Redakteuren schickten den Bogen ausgefüllt zurück - eine befriedigende Beteiligung angesichts des heiklen Themas. 69 Prozent der Befragten stellten fest, das Publikum werde von den Sendern politisch bevormundet. Die Journalisten des Bayrischen Rundfunks schätzten diesen Einfluss noch höher ein als ihre NDR-Kollegen. Journalisten, die sich auf einer Skala eher als links orientiert einstuften (63 Prozent), empfanden sich gegenüber früher als stärker von oben kontrolliert und eingeschränkt.

Der Spiegel veröffentlichte die Resultate. Es gab darüber keine besondere Aufregung außer beim Intendanten des Bayrischen Rundfunks. Wo steckten die Verräter, die Nestbeschmutzer, die sich hinter dieser Recherche verbargen? Alle internen Verhöre blieben erfolglos. Einen der Gesuchten habe ich später gelegentlich auf dem Bildschirm wiedergesehen - mit zunehmend brav affirmativen Kommentaren.

Es war die Zeit, als sich der Reformgeist, der von unten aus überall die hierarchischen Strukturen erschüttert hatte, langsam wieder zurückzog. Die antiautoritäre Strömung, die zuvor vielen Mut gemacht hatte, eine traditionelle Anpassungshaltung zugunsten unabhängiger kritischer Stellungnahme aufzugeben, ebbte ab. […]
Als 1991 Golfkrieg Nummer zwei bevorstand, eilten die deutschen Medien mit ihrer Unterdrückung von Kriegskritik den Amerikanern noch voraus. Ein Beispiel aus der eigenen Erfahrung: Wenige Wochen vor Kriegsausbruch flog ich mit einem selbstverfassten Friedensappell, den 450 deutsche Professorinnen und Professoren unterschrieben hatten, nach Washington. Andreas Flitner und ich diskutierten den Appell mit Politikern in beiden Häusern des amerikanischen Kongresses und konnten den Text sogar ungekürzt in der Washington Post unterbringen. Gleichzeitig erläuterte Andreas Buro den Appell auf einer stark besuchten Pressekonferenz in Bonn. Aber keine deutsche Zeitung traute sich, den Appell zu drucken oder auch nur als Notiz bekannt zu machen. Den Amerikanern sollte verschwiegen werden, was eines ihrer angesehensten eigenen Blätter dem Publikum bedenkenlos offenbarte.

"Die Unabhängigkeit und die Integrität der Medien in der westlichen Welt sind in der neuen Weltordnung immer mehr zurückgegangen."
 (Reinhard Wolf, Heer, Luftwaffe, Marine - Medien?, taz, 31.12.2002, zitiert in obigem Artikel)
Zwischen dem Bild der Medien und den durch Umfragen ermittelten Meinungen der Bevölkerung herrschte oft eine erhebliche Differenz. Das Publikum habe, so die schwedischen Untersucher, dem Dauerbeschuss der Nato-Propaganda deutlicher widerstanden als die Medienprofis.
[…] Wohl nicht zufällig bringen nun die New York Times durch George Parker und der Tagesspiegel durch Harald Martenstein eine interessante Meinung tonangebender amerikanischer Intellektueller zur Kenntnis: Demnach gehe es gar nicht primär um die Abwendung einer fiktiven irakischen Bedrohung, sondern um die Gewinnung einer Ausgangsbasis für eine schrittweise Amerikanisierung des gesamten islamischen Mittleren Ostens. Zum Vergleich wird die geglückte Amerikanisierung Europas durch die kriegerische Zerstörung des Nazi-Reiches genannt. Der Irak biete sich jedenfalls momentan am geeignetsten als Brückenkopf an, das heiß als erstes vorläufiges Angriffsziel, um den islamischen Raum für eine kulturelle Entwicklung nach westlichen Maßstäben umzuprägen. Die New York Times hat den Stein ins Wasser geworfen. Harald Martenstein hat das Signal aufgenommen. Wäre nun nicht eine Debatte über diese Idee überfällig? […] Warum merken die Medien nicht, dass sie sich von der unablässig vorgespiegelten irakischen Bedrohung genauso täuschen lassen wie der Stier in der spanischen Corrida, der bis zur Erschöpfung hinter der geschwenkten roten Muleta herhetzt? […]
Die Propagandaoffensive zur Vorbereitung des Irak-Krieges fordert den Journalisten Verrenkungen ab, die nur noch als intellektuelle Korruption zu bezeichnen sind.  
mein Kommentar:
Noch Fragen zur Ukraine-Berichterstattung in den Leitmedien? Die USA spielen VW Käfer: Sie setzen ihr Schachspiel einfach fort und fort und fort. In diesem Zusammenhang.
Vor dem Licht von Horst-Eberhard Richters Ausführungen gewinnen die Äußerungen Putins vor dem Deutschen Bundestag (2001) und der Münchner Sicherheitskonferenz (2007) eine neue Aktualität.

(Doku) - Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft [Zbigniew Brzezinski] [1:20:27]

Veröffentlicht am 14.08.2014
Ein Film von Freiheit durch Wissen
Diese Dokumentation berichtet zum einen über Zbigniew Brzezinski, ein polnisch-amerikanischen Politikwissenschaftler, Regierungsberater, Bilderberger und Mitglied des Komitees der 300.
Der Mitbegründer der Trilateralen Komission und CFR-Mitglied schrieb 1997 sein Buch "The Grand Chessboard - Die einzige Weltmacht, Amerikas Strategie der Vorherrschaft".
Desweiteren wird auf sein Buch eingegangen und die Kernaussage, nämlich die langfristigen, geostrategischen Überlegungen bzw. Planungen der USA (Stand 1997) beleuchtet.
Das Kapitel: "Eurasisches Schachbrett" offenbart, dass nach Brzezinski's Ansicht Deutschland und Frankreich in Europa die wichtigsten geostrategischen Akteure sind.
Desweiteren wird deutlich, weshalb gerade die Ukraine derzeit Schauplatz eines Krieges und Umbruches ist und als ein geopolitischer Dreh- und Angelpunkt gilt.
In den geostrategischen Überlegungen geht es vor allem um eins: Ressourcen und letztendlich um Macht.
Weitere Informationen finden Sie unter:
http://freiheitdurchwissen.blogspot.de/
Link zum Buch im PDF-Format:
http://www.attac-leipzig.de/allg/mate...

============================
In Coprays Werk Jung und trotzdem erwachsen (zwei Bände, Düsseldorf 1987 und 1989) findet sich einerseits die Anwendung seiner Theorie der kommunikativen Kompetenz, andererseits die Vorbereitung der Fairness-Thematik im Blick auf ein spezielles Lebensalter in der deutschen Gesellschaft. Die Kernthesen:
  • Junge Erwachsene der achtziger und neunziger Jahren bilden eine „paradoxe Identität“ aus, mit der sie wegen ihrer großen Kohorte das künftige gesellschaftliche Milieu in den ersten Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts deutlich prägen werden.
  • Das führt zu changierenden Rollen und Verhaltensmustern sowie zur Ambivalenz von Persönlichkeit zwischen Subjekt- und Passivsein.
  • Die kognitive Dissonanz wird sich infolgedessen weiter ausbreiten.
  • Gemeint ist damit: Wenn Personen Entscheidungen getroffen, etwas gedacht, gesagt oder getan haben, was ihren innersten Überzeugungen, Werten und Gefühlen zuwiderläuft, bieten Menschen ein ganzes Arsenal an Vorurteilen, Selbstüberredungen, Rationalisierungen, Selbstbetrügereien und Grabenkämpfen auf, um diesen unangenehmen Zustand zu reduzieren oder gar ganz zum Verschwinden zu bringen – und das nur, um sich vor sich selbst zu rechtfertigen, nicht im emotionalen Konfliktzustand der Dissonanz zu bleiben, sich nicht schämen und keinen Gesichtsverlust erleiden zu müssen. So werden die Menschen versuchen, mit Widersprüchen in ihrem Leben und in der globalisierten Gesellschaft zurechtzukommen.
  • Traditionsmuster werden zerbrechen, Krisenverläufe zunehmen und die persönliche, soziale, berufliche und ökonomische Existenz wird in der Fläche prekär werden.
  • Demgegenüber hilft nur eine offene, transparente und heilsam wirkende Kultur, die Brüche und Widersprüche in Menschen und in ihrem Handeln akzeptiert, um gemeinsam Wege im rücksichtsvollen Umgang miteinander zu größerer Authentizität und Souveränität, zu solidarischem und ökoverträglichem Handeln zu finden.
In seinem Werk hat Copray so verschiedene Phänomene und Strukturelemente analysiert und prognostiziert, wie sie sich teilweise erst heute in der Breite der Betroffenheit abzeichnen. Außerdem wurde eine transaktionsanalytische Theorie und ihre Anwendung bezogen auf die Sozialisierung von jungen Erwachsenen entwickelt und für die Begleitung und Beratung junger Erwachsener, auch junger und künftiger Führungskräfte, nutzbar gemacht.

 [Norbert Copray, Zukunft und Kompetenz junger Erwachsener, Wikipedia]
============================

siehe auch:

Methoden der Kriegspropaganda (Bundeszentrale für politische Bildung, 01.10.2011)
- Übersichtsdossier: Krieg in den Medien (Bundeszentrale für politische Bildung)
- Unwort des Jahres: Lügenpresse (Post, 24.01.2016)

- eine Liste mit Programmbeschwerden (Propagandaschau, Stand: 06.02.2016)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen